Gibt es statistisch-mathematische Wunder im Koran?

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Achim Schnell
veröffentlicht am 5.3.2025

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Einleitung: Die Frage nach dem göttlichen Ursprung

Ist der Koran göttlichen Ursprungs? Oder ist er ein rein menschliches Machwerk? Macht man sich auf die Suche nach Gründen für oder gegen eine göttliche Autorenschaft dieses heiligen Buches, stößt man schnell auf die Behauptung, der Koran enthalte unwiderlegbare Wunder, die kein Mensch hätte hervorbringen können. Zum einen spreche der Koran selbst von Sachverhalten, die erst die jüngste Wissenschaft herausgestellt haben soll, zum anderen sei der Koran selbst ein literarisch-sprachliches, unnachahmliches Wunder. Beide Ansprüche wurden bereits in vergangenen Blog-Artikeln dieser Webseite behandelt (s. „Enthält der Quran tatsächlich wissenschaftliche Wunder?“ und „Ist der Koran ein sprachlich-literarisches Wunder?“). Ein drittes Argument besteht darin, der Koran enthalte mathematisch-statistische, versteckte Wunder, eine Art übermenschliche Codierung, die von einem göttlichen Design durch Allah zeugen würden. Ob diese angebliche Wunderhaftigkeit einer Prüfung standhalten kann, soll im Folgenden behandelt werden:

Mathematische “Wunder” im Koran

Die wohl am häufigsten angebrachten und prominentesten mathematischen „Wunder“ betreffen die Auftretenshäufigkeit bestimmter Wörter im Korantext. Dabei sei die Anzahl ihrer Wiederholungen in perfekter Harmonie und bedeutungsvoll und daher über zufällig und wundersam. Beispielsweise kämen die Gegensatzpaare Hölle und Paradies, gute Taten und böse Taten, Glaube und Unglaube in genau gleicher Häufigkeit vor. Das Wort Tag sei genau 365 Mal erwähnt, Monat dagegen 12 Mal. Die Häufigkeiten der Wörter „Land“ und „Meer“ ergäben in ihrem Verhältnis zueinander genau das Verhältnis des von Wasser bedeckten Teils der Erde und das des Festlandes. Dies sei dann ein göttliches, Menschen-unmögliches Wunder.

Kritische Analyse der Zählmethoden

Unterzieht man diese Behauptungen allerdings einer genaueren Untersuchung, so wird augenscheinlich, dass bei der Zählung einfach verschiedene Kriterien angewandt werden, wann ein Wort zu der entsprechenden Summe dazuzählen soll und wann nicht. Das liegt zum einen daran, dass die arabische Grammatik eine reiche Zahl an grammatikalischen Formen durch Prä- und Suffixe hat oder durch die Formen Singular, Dual und Plural, die mal gezählt werden, mal nicht. Zum anderen werden bestimmte Synonyme oder Wörter des gleichen Stamms, aber mit anderer Bedeutung mal mit ein-, mal mit ausgeschlossen. Dadurch erhält man durch Kombinationsmöglichkeiten eine recht großzügige Freiheit, die gewünschte „göttliche“ Zahl zu erreichen. So werden recht willkürlich Regeln angewandt, welche dieser Wortformen dazugehören sollen und welche nicht. Es wird aber meist keine Rechenschaft darüber gegeben, welche unterschiedlichen Regeln zur Auswahl angewandt wurden. Beispiele: Bei der Zählung des Wortes „Paradies“ (alanna) bzw. „Garten“ (ǧanna) wurden auch Wörter miteingeschlossen, die zwar die ähnliche Wortwurzel, aber eine andere Bedeutung haben („Verrücktheit“ ǧinna -  und „Geister“ ǧinn), andererseits wurden Formen mit Suffixen wiederum ausgeschlossen (z.B. „sein Garten“ ǧannatahu) um der Zahl für „Hölle“ gleichzukommen. Ähnlich ist es beim Land-Meer-Verhältnis: auch hier wurden Wörter mit komplett anderer Bedeutung, aber ähnlichem Schriftbild (z.B. „Gerechtigkeit“ für „Land“) zugunsten des gewünschten Ergebnisses eingeschlossen.

Klar ist: Dies ist keine wahrhaftige Herangehensweise, sondern eine arglistige Täuschung. Die Wunderhaftigkeit entpuppt sich so als Pseudowunder! Aber selbst wenn die Worthäufigkeiten nicht auf Betrug, sondern auf tatsächlicher Anzahl beruhen würden: Wäre das ein Wunder, das nur von einem allmächtigen Gott hervorgebracht werden könnte? Wäre es menschlich wirklich unmöglich, ein Buch zu verfassen, in dem „Tag“ 365 Mal auftaucht? Und wäre das die Art und Weise, wie ein allmächtiger, allwissender Gott uns zeigen wollte, dass dies der richtige Glaubensweg ist?

Angebliche wissenschaftliche Wunder im Koran

Neben den angeblichen Wundern, die sich aus der Nennungshäufigkeit von Wörtern ergeben sollen, werden von islamischen Apologeten auch noch „Wunder“ angebracht bzw. hineingelesen, die auf Anzahl von Wörtern, Buchstaben, Zeichen und der Anzahl bzw. Namen der Suren basieren sollen. Dabei sollen diese Konstellationen auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die Mohammed noch nicht hätte haben können, widerspiegeln.

Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass die Zusammenstellung dieser Konstellationen immer sehr willkürlich ist. Es werden gezielt Koinzidenzen gesucht, die „schöne“ Ergebnisse erzielen und so mit Sinn gefüllt werden können. Dabei hat jedes Buch mit einer gewissen Länge allein schon aus statistischen Gründen eine Vielzahl von Möglichkeiten, Wort- und Buchstabenhäufigkeiten herauszusuchen und sich ein vermeintliches Wunder daraus zu basteln. Genauso haben wissenschaftliche Sachverhalte ebenso tausende Eigenschaften und Merkmale, die in Zahlen ausgedrückt und verwendet werden können. Dabei ist die Vorgehensweise rein selektiv – es wird so lange gesucht und gebastelt, bis etwas Sinnvolles herauskommt. Es gäbe also viele Konstellationen, die man analog zu den angewandten Methoden anwenden könnte und dabei keinen gewünschten Sinn ergeben – und soeben nicht erwähnt werden. Aber gehen wir doch auf einige der meist genannten „Wunder“ dieser Art ein:

Beispielsweise soll der Koran den Abstand unserer Erde zu unserem nächstgelegenen Nachbarstern, der erst in jüngster Zeit berechnet werden konnte, vorausgesagt haben. Dieser ist der Stern Sirius, der von der Erde 8,60 Lichtjahre entfernt ist. In der Sure mit dem Namen „Der Stern“ (Sure 53) taucht der Sirius namentlich auf. Zusätzlich das Wort „Stern“ in derselben Sure im ersten Vers und das Wort „Erde“ im 32. Vers. Zwischen diesen beiden Wörtern liegen nun 861 Buchstaben. Ein Wunder? Zum einen muss eingewendet werden, dass 8,60 Lichtjahre eben nicht 861 sind. Letzten Endes sind es nur zwei Ziffern, die übereinstimmen. Wie hoch ist da die statistische Wahrscheinlichkeit eines solchen Treffers? Zum anderen: Wäre es nicht viel logischer und konsequenter, dass der Abstand zwischen den Wörtern „Erde“ und „Sirius“ 860 Buchstaben wäre? Die Wörter „Stern“ und „Erde“ erscheinen öfters im Koran. Dass dann einmal zwischen all diesen Konstellationen eine halbwegs gewünschte Zahl erscheint, lässt sich eben leicht mit statistischen Zufallsschwankungen erklären. Und es darf nicht vergessen werden, dass nach diesen Wundern gezielt gesucht wurde.

Eine weite Frage ergibt sich dabei: Warum sollte Gott seine Wunder, mit denen er die Welt auf sich aufmerksam machen möchte, so tief verstecken - in undurchdringlichen Buchstaben- und Worthäufigkeiten? Könnte er sein übersinnliches Wissen nicht direkt für alle ersichtlich beschreiben? Warum sollte er sich so kompliziert und intransparent äußern, wenn der Koran ja ein klares Zeichen für alle Menschen sein soll (Sure 2:185)?

Ein weiteres Wunder soll in der 16. Sure „Die Biene“ auffindbar sein. Die Biene hat tatsächlich 16 Chromosomenpaare. Ein Wunder? Mit der gleichen Logik müssten Kühe nur 2 Chromosomenpaare haben (tatsächlich 60), die Spinne 29 (tatsächlich verschieden, z.B. 24-26) Ameisen 27 (tatsächlich verschieden 20-92), da die entsprechenden Suren die Namen dieser Tiere tragen. Die Zahl 16 soll in der genannten Sure tatsächlich des Öfteren auftauchen im Zusammenhang mit der Beschreibung der Biene. Auch hier gilt: Es wurde selektiv nach den schönen Ergebnissen gesucht, um nach Belieben ein Wunder zu konstruieren.

Wiederum soll der Abstand zwischen der ersten Stelle, an der das Wort „Sonne“ im Koran vorkommt, und der letzten Erwähnung, in Buchstaben gerechnet, exakt die Oberflächentemperatur der Sonne in Kelvin ergeben (5778). Auch hier ergeben sich einige kritische Fragen: Warum ist es die Temperatur der Oberfläche und nicht die Durchschnittstemperatur? Es gibt so viele andere wissenschaftliche Eckdaten der Sonne (Länge der Umlaufbahn, Durchmesser, Abstand zur Erde, Masse, Dichte usw.), die man hätte verwenden können. Es wurde so einfach eines der Daten gewählt, die zur Zählung passen. Zudem: Die Angaben der Temperatur der Sonne variieren dabei sehr und beruhen ohnehin auf Schätzungen, und selbst die Oberflächentemperatur passt nur ungefähr (5772 K laut Wikipedia).

Auch beinhalte der Koran – nach gewisser Rechenprozedur – die Erkenntnis, ab welcher Erdtiefe Eisen zu finden ist: Wenn man diesmal alle Verse vor der ersten Erwähnung des Wortes „Eisen“ zählt, erhalte man die entsprechende Zahl 5100. Ab 5100 km enthalte die Erde Eisen. Einwände: Eisen befindet sich nicht erst ab genau dieser Tiefe, sondern nimmt mit zunehmender Erdtiefe zu, stellt also ein Kontinuum dar: je tiefer, desto größer der Anteil an Eisen. Somit ist der Wert 5100 km sehr vage und relativ, da auch schön in höheren Schichten Eisen zu finden ist. Zudem ist die Einteilung in Äußerem und innerem Kern relativ beliebig und eine menschliche Einteilung. Außerdem beginnt der innere Kern ab einer Tiefe von 5150 km statt 5100 km. Präzise wäre es nicht. Und auch hier konnten die aller verschiedensten Zählweisen (Surenzahl, Wörter, Verse oder Buchstaben) sowie wissenschaftliche Eckdaten (Masse oder Schmelzpunkt von Eisen, Atommasse, Zahl im Periodensystem usw.) miteinander verbunden werden.  Außerdem: Wieso muss dazu so lange gezählt und gerechnet werden? Hätte Allah nicht direkt sagen können: „Der Kern der Erde besteht aus Eisen“?

Viele weitere Wunder könnten hier aufgeführt und kritisch beleuchtet werden. Doch stets gilt: Es wurde so lange gesucht, ausprobiert und gerechnet, bis ein „passendes“ Ergebnis herauskam. Dabei sind sowohl die Kriterien für den Korantext als auch die Auswahl wissenschaftlicher Daten selektiv und der Beliebigkeit des „Wunder-Finders“ unterworfen.

Statistische Fehlschlüsse und psychologische Faktoren

Dabei profitieren muslimische Apologeten von einem Phänomen in der Psychologie, nämlich der Schwäche des menschlichen Verstandes, Wahrscheinlichkeiten und statistische Ereignisse korrekt abzuschätzen: Da Wahrscheinlichkeiten mit großer Grundgesamtheit oder seltenen Ereignissen nicht unserer Alltagserfahrung entsprechen, haben wir Schwierigkeiten, für diese ein Gefühl zu bekommen. Unsere Intuition trügt dabei. Beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Schulklasse mit 23 Schülern zwei Kinder am selben Tag Geburtstag haben, größer als 50 % und nicht 23/365. Aufgrund der begrenzten Fähigkeit unseres Geistes nutzen wir daher Heuristiken und sind dabei oft einem trügerischen Bias unterworfen (Tversky & Kahnemann, 1974). Kein „Wunder“ also, dass uns statistische Zufallstreffer, die es allein aufgrund von Zufallsschwankungen geben muss, beeindrucken und über zufällig oder gar göttlich beabsichtigt wirken, aber auf diese Weise in jedem Buch zu finden wären.

Fazit:

Die mathematisch-statistischen Wunder entpuppen sich oft als gemogelt, ungenau, selektiv oder einfach zufällig und stellen eher den verzweifelten Versuch dar, an diesem Buch irgendetwas Übermenschliches finden zu wollen. Vielmehr sollte man den Inhalt der Bücher Bibel und Koran und deren Moral und Ethik vergleichen. Die Erfüllung der Bibel-Prophezeiungen durch Jesu Leben und der Beweis seiner Sendung durch seine historisch verankerte Auferstehung, sowie die das Herz treffende Botschaft der Liebe Gottes, die Er durch seine barmherzige Erlösung am Kreuz bewies, sollten den aufrichtig nach Wahrheit suchenden Menschen vielmehr überzeugen als jene zwanghaft gesuchten mathematischen „Wunder“.