Der Mythos des finsteren Mittelalters

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Rolf Marcel Fischer
veröffentlicht am 14.3.2025

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Einleitung

Ich liebe Sci-Fi Serien. Wirklich. Es gibt wohl keine klassische Sci-Fi Serie, die ich nicht mindestens einmal vollständig geschaut habe: sei es Star Trek, Star Wars, Stargate, Battlestar Galactica. So sehr ich auch Raumschiffe liebe, eines aber stört mich an all diesen Serien. Sie alle diffamieren die Vergangenheit. Sei es die Zeit, in der wir jetzt leben oder – und diese vor allen – die Zeit vor der Aufklärung.

Einige Lesende mögen sich vielleicht an die Redewendung des „finsteren Mittelalters“ erinnern. Automatisch steigen Assoziationen auf: Hexenverbrennungen, Verfolgungen, Aberglaube, Inquisitionen, Kreuzzüge und all die anderen schrecklichen Dinge. Der Begriff allein zeigt schon, dass dieses „Mittelalter“ eine Zeit religiöser Verblendung, Dummheit und Naivität gewesen sein muss: gut, dass sie vorbei ist. 

Diese Geschichtsverzerrung hat allerdings wenig bis gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun und im Folgenden werde ich mich bemühen, einige dieser Vorurteile und ihre Ursprünge aufzudecken und eine neue Sichtweise auf diese Zeit zu geben. 

Begriffsgeschichte

Beginnen wir mit dem Namen: Mittelalter. Der Begriff setzt sich offensichtlich aus zwei Worten zusammen: Mittel und Alter. Es ist also ein Art „Zeitalter“ gemeint, welches in der Mitte liegt, aber in der Mitte wovon? 

Der Begriff stammt aus der Zeit der Renaissance – der Zeit, die sich dem Mittelalter anschloss. In dieser Zeit entdeckten Gelehrte scheinbar die Größe und Schönheit der antiken Zeit wieder und mussten feststellen, dass die vergangene Zeit, scheinbar weniger glorreich als die der antike war. Es war eine Zeit des Aufbruchs: Revolutionäre Bauprojekte, unglaubliche Werke der Dichtung und Philosophie, aber auch wissenschaftliche Entdeckungen entstanden in der Zeit. Deswegen auch der Name Renaissance, was übersetzt „Wiedergeburt“ meint: es sollte eine Zeit sein, in der die Glorie der Antike neugeboren werden sollte. Die Zeit dazwischen war aus der Sicht der Renaissance nicht mehr als eine Art armseliges Wartezimmer.

Die Einteilung der Epochen

Bevor wir mit der Finsternis dieses mittleren Zeitalters zwischen Antike und Renaissance beginnen, braucht es einen wichtigen Einschub. Wir sind es so gewohnt, Wort wie „Antike“, „Mittelalter“, „Neuzeit“ und „Moderne“ zu verwenden, dass wir uns gar nicht bewusst sind, dass diese Namen und Zeiteinteilungen reine Konstrukte der Geschichtswissenschaften sind. 

Ein Beispiel: Das Ende der Antike wird in der Regel mit dem Fall des Weströmischen Reiches 476 n.Chr. festgesetzt oder spätestens mit der Schließung der Akademie in Athen in Jahre 529 (im gleichen Jahr soll Benedikt von Nursia das erste Benediktinerkloster gegründet haben!!). Nun stellen wir uns mal vor, wir würden den Tag des Falles des Weströmischen Reiches erleben. Während wir diesen Niedergang als Einschnitt sehen, war es für viele Zeitgenossen wohl absehbar, dass das Reich fallen würde. Die Sonne ging am nächsten Tag genauso auf und unter, wie nach jedem wichtigen historischen Ereignis. Natürlich erkennen Menschen rückblickend die Bedeutung eines solchen Ereignisses und dessen Folgen, aber am Himmel erschien doch kein Zeichen „Die Antike ist vorüber“. Aufgrund der einschneidenden Veränderungen konnte man hinterher sagen, dass hier ungefähr eine grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse und damit den Anbruch einer neuen Zeit erkennen konnte. 

Gleiches gilt für das Ende dieses „Mittelalters“: Klassisch wird es auf die Entdeckung der Amerikanischen Welt und dem Ende der Rückeroberung Spaniens von der muslimischen Herrschaft datiert. Doch was genau macht uns da so sicher? Nun, dass braucht es nicht. Es wird rückblickend festgelegt, weil man die folgenden Ereignisse und den Beginn einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderung erkennen konnte. Dass diese Veränderungen oft auch schwimmend und regional verschieden sein konnten, beweist die Renaissance, die wiederum in eine Vor-, Haupt- und Spätzeit getrennt wird. Auch diese Zeit der Erneuerung war an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich ausgeprägt. Faktisch ist es sehr schwierig bis unmöglich, die Zeiten genau voneinander zu trennen. Dafür sind die geschichtlichen Verläufe und Verflechtungen viel zu komplex und zu undurchsichtig. Dabei haben wir noch gar nicht betrachtet, dass diese Verläufe allein den europäischen Kontinent betreffen und auf den größten Teil der Welt gar nicht zutreffen: Für die lange und komplexe Geschichte Chinas zum Beispiel wären unsere Einteilungen geradezu nutzlos. 

Was ist also mit dem „Mittelalter“?

Woher stammt also der Begriff „Mittelalter“? Aus der Zeit der Renaissance. Doch der Mythos des dunklen und abergläubigen Mittelalters kam erst viel später auf und wird bis heute von Büchern und Filmen weitergegeben. 

Die Bezeichnung der Finsternis des Mittelalters stammt von den Abwertungen der Gelehrten der Renaissance, aber auch von den Reformatoren selbst, die das Papsttum als „Zeit der mittelalterlichen Tyrannei“ bezeichnen. 

Auch die Aufklärung (Voltaire, Gibbon und viele andere) setzen ihr Zeit der Vergangenheit gegenüber: Während die allein der Vernunft verpflichtet waren, waren die Menschen des Mittelalters Menschen des (Aber-)Glaubens. Spätestens im 19. Jahrhundert, eine Zeit, in der stark gegen den Katholizismus, aber auch gegen den Glauben an sich gewettert wurde, entwickelte sich der Mythos des bösen, finsteren und grausamen Mittelalters, aus welchem uns die Neuzeit und die Aufklärung befreit hätte. 

Einige Errungenschaften des Mittelalters 

Bei Licht betrachtet, ist im besten Fall unzureichend, wenn nicht sogar falsch. Es folgt es kurze Liste an Errungenschaften, um zu zeigen, wie viel Licht im finsteren Mittelalter schien:
1. Theologische Errungenschaften

  • Scholastik und die Entwicklung der Logik: Theologen wie Thomas von Aquin (1225–1274) und Anselm von Canterbury (1033–1109) schufen eine systematische Theologie, die Vernunft und Glauben verband. Werke, wie die „Summa theologica“, Bonaventuras „Itinerarium“ oder die Erkenntnistheorie des Johannes Dons Scotus sind brillant und einmalig in ihrer Größe. 
  • Die Universität als Erfindung des Mittelalters: Die ersten Universitäten (Bologna 1088, Paris 1150, Oxford 1167) entstanden aus kirchlichen Schulen und wiesen den Weg für ein Zeitalter des Wissens und der Forschung.
  • Bibelwissenschaft und Exegese: Mittelalterliche Theologen entwickelten raffinierte Methoden der Schriftinterpretation: Theologen, wie Thomas von Aquin, Bernhard von Clairvaux, Bonaventura, Richard von St. Viktor und viele andere haben unzählige Werke zur Auslegung der Heiligen Schriften verfasst. Heute ist Thomas von Aquin mehr als Philosoph bekannt, doch zu seiner Zeit galt er als „Meister der Schriften“. Seine Werke legen die Vermutung nahe, dass der die Bibel mehr oder minder auswendig kannte. 

2. Philosophische Errungenschaften

  • Arabisch-islamische Philosophie wurde ins Lateinische übersetzt: Avicenna, Averroes und Al-Farabi beeinflussten die mittelalterliche Scholastik. Durch den Transfer über die arabischen Reiche kamen die Werke der griechischen Philosophie nach Europa und schufen ganz neue philosophische und theologische Denkhorizonte. 
  • Realismus und Nominalismus: Die mittelalterliche Philosophie entwickelte tiefgehende Debatten über die Natur der Wirklichkeit, die bis heute relevant sind. Bis heute kann man grundlegende philosophische und theologische Differenzen mittels dieser Werke und geschaffenen Kategorien erkennen und analysieren. Die metaphysischen Werke von Thomas von Aquin, Bonaventura und Johannes Dons Scotus beeinflussen die Philosophie bis heute und reihen sich damit in die Reihe der größten Denker der Geschichte in. 
  • Ockhams Rasiermesser: Wilhelm von Ockham (1288–1347) formulierte das Prinzip der Sparsamkeit in Erklärungen, das bis heute ein Kernprinzip der Wissenschaft ist.
  • Roger Bacon: Der Franziskaner erfindet mehr oder weniger die empirische Methode und ist damit Vorreiter der modernen Wissenschaften. 

3. Wissenschaft und Technik

  • Die Gotik revolutionierte die Architektur: Kathedralen wie Notre-Dame de Paris oder Chartres sind Meisterwerke der Baukunst und zeugen von einer unübertroffenen architektonischen und handwerklichen Kunst. 
  • Fortschritte in der Astronomie: Nikolaus von Oresme (1320–1382) spekulierte über die Erdrotation lange vor Kopernikus.
  • Mechanische Uhren: Im 13. Jahrhundert entstanden die ersten Räderuhren, die eine präzisere Zeitmessung ermöglichten.
  • Brillen und Optik: Die erste Brille wurde im späten 13. Jahrhundert in Italien erfunden.

4. Medizinische und naturwissenschaftliche Entwicklungen

  • Krankenhäuser wurden weiterentwickelt: Klöster dienten als Zentren medizinischer Versorgung. Der Ausbruch der Pest führte zur Entstehung verschiedener Orden, die wiederum die ersten Krankenhäuser in der westlichen Welt bauten. 
  • Mondino de Luzzi (1270–1326) führte systematische Leichensektionen durch und schrieb eines der wichtigsten anatomischen Werke des Mittelalters.
  • Alchemie legte die Grundlagen für die spätere Chemie: Gelehrte wie Albertus Magnus (1200–1280) und Roger Bacon (1214–1294) untersuchten die Natur wissenschaftlich.

5. Wirtschaft und gesellschaftliche Innovationen

  • Bankwesen und Kreditwesen entstanden: Italienische Städte wie Florenz und Venedig entwickelten früh moderne Banken, in denen Vorformen des modernen Marktes zu entwickelt wurden. .
  • Handwerkszünfte schufen soziale Sicherheiten: Sie förderten die Ausbildung und Qualitätsstandards.
  • Mittelalterliche Städte als Innovationszentren: Handelsstädte wie Lübeck, Brügge und Florenz waren dynamische Wirtschaftszentren.

6. Kunst und Literatur

  • Romanische und gotische Kunst: Die gotische Architektur brachte ein neues Verständnis von Licht und Raum.
  • Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ (1307–1321) war ein literarisches Meisterwerk, das moderne Erzählstrukturen beeinflusste.
  • Chansons de geste und höfische Literatur: Werke wie das „Nibelungenlied“ oder „Parzival“ bereicherten die europäische Kultur.

Zusammenfassung

Diese Liste ist alles andere als vollständig. Allein diese Dinge zeigen auf, dass das sogenannte Mittelalter eine dynamische, innovative und gesellschaftlich revolutionäre Zeit war, in der auf allen Gebieten der Kunst, Musik, Architektur, Theologie, Philosophie, aber auch der Wissenschaft grundlegende Erkenntnisse errungen wurden, die bis heute das Leben und Denken der Menschen beeinflussen. Werden also die Fakten betrachtet, wird dieser Mythos schnell ins rechte Licht gerückt. Auch bei den anderen heißen Eisen der Geschichte könnte man solche Berichtigungen vornehmen: 

  • Die eigentlichen Hexenverfolgungen fanden allermeist vor weltlichen Gerichten statt und hatten erst in der Neuzeit Konjunktur. 
  • Die römische Inquisition hat wahrscheinlich mehr Leben gerettet als genommen und ist vor allem gegen den Aberglauben der Bevölkerung vorgegangen – dennoch wurde sie auch zur Repression verwendet.  
  • Die Kreuzzüge wurden zwar religiös legitimiert, waren aber vor allem politisch motiviert, um den Vorstoß der muslimischen Truppen zu stoppen. 
  • Die Kirchen waren nicht gegen die Wissenschaften an sich, sondern gegen die Haltungen mit denen sie praktiziert wurde. 
  • Das Mittelalter war eine Zeit des wachsenden Bürgertums und der Bildung. 

Das finstere Mittelalter war also ein vergleichsweise lichtes Zeitalter und gar nicht so finster, wie immer behauptet wird. Will man dennoch diese Zeit moralisch be- oder verurteilen, sollte man sich dennoch hüten: Es ist leicht eine Situation zu beurteilen, wenn man (scheinbar) den Ausgang der Situation kennt und noch dazu höchst fragwürdig, eine Zeit mit den eigenen moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen zu bewerten.